BARGELD UND DER WERT DER KULTUR

Wir schreiben das Jahr 2020. Das Bargeld wurde abgeschafft. Darum hat Ihr Kind kein Sparschwein mehr, sondern ein Girokonto für den täglichen Bedarf an Süßigkeiten vom Kiosk und ein Sparbuch für die größeren Wünsche. Und damit Ihr Kind auch spart, haben Sie einen Dauerauftrag eingerichtet: Von den fünf Euro Taschengeld werden jeden Tag zwanzig Cent auf das Sparbuch überwiesen.

Aber sagen Sie mal … wer spart da jetzt eigentlich? Ihr Kind oder der Computer der Bank, der die Zahlen umschreibt? Tja, gäbe es das Bargeld noch, könnte Ihr Kind die zwanzig Cent selbst ins Sparschwein werfen: Kling!

Was sonst würde der Gesellschaft ohne Bargeld verloren gehen?

Verlust der Handhabung

Stellen Sie sich das vor: Würde das Bargeld abgeschafft, hätten Sie kein Portemonnaie mehr. Damit würde ein Utensil wegfallen, das durchaus auch eine Charakteraussage ist. Der klassisch geprägte Typ trägt neben der Brieftasche die Geldbörse für das Kleingeld und der Macher hat ein praktisches all-in-one-Portemonnaie mit diversen Einstecktaschen und Fächern. Für die Dame gibt es das feine Echtlederportemonnaie und für Jugendliche den bunten Nylon-Geldbeutel zum Umhängen.

Und auch das Kleingeldgeklimper und Scheingeraschel beim Abzählen und Bezahlen hat durchaus seinen Eigenwert – oder die Hosentasche, die von einem dicken Geldbündel ausgebeult wird. Sie machen den Einkauf haptisch erfahrbar. Geldausgeben – obwohl völlig alltäglich – erhält dadurch eine große Bedeutung: Es ist ein Stück Leben.

Verlust der Beziehungen

Mein Großvater bekam seinen Lohn noch in einer Lohntüte ausgehändigt. Das ist für den modernen Menschen heutzutage nur noch Nostalgie. Die Lohntüte wurde längst durch den Überweisungsvorgang ersetzt.

Ganz ohne Münzen und Scheine würden neben der baren Lohnzahlung aber auch die kleinen, wohlwollenden Zuwendungen wegfallen, die die Beziehungen zu anderen Menschen bereichern. Meine Oma steckte uns Kindern zum Beispiel immer etwas Kleingeld zu, wenn wir für sie den Einkauf in die Wohnung getragen oder das Leergut weggebracht hatten.

Die vielleicht wichtigste Zuwendung mit Bargeld ist das Taschengeld. Mit dem ausgehändigten Taschengeld für Ihr Kind ginge ebenfalls ein wichtiger kultureller Aspekt verloren: ein Ausdruck des „Wir versorgen dich.“

Und ein Punkt, den ich selbst besonders schade fände: Mit dem Bargeld würden die fremden Münzen und Scheine ausbleiben, die üblicherweise vom Urlaub übrig sind. Diese schönen Erinnerungsstücke, die Ihnen nach Jahren wieder in die Hände fallen und Sie in alten Fotos wühlen lassen.

Ohne Bargeld würden alle diese direkten Erlebnisse, diese jahrtausendealten Traditionen, verloren gehen.

Verlust der Relationen

Es geht jedoch nicht nur um das Erlebnis von Beziehungen und Kultur. Es geht auch ganz konkret um die eigene Kontrolle, das eigene Haushalten. Durch Bargeld sind Summen und Relationen erfahrbar. Stapel von Centstücken summieren sich zu einer Euromünze. Und eine Handvoll Euromünzen wandelt sich in die kleinste Banknote.

Diese Summen haben Sie in Ihrem Portemonnaie und beobachten ganz konkret ihre Abnahme durch die Einkäufe, die Sie tätigen. So behalten Sie den Überblick. Und die Waren, die Sie auf diese Weise umgemünzt haben, geben dem ausgegebenen Geld seinen tatsächlichen und erfahrbaren Wert. Diese Art Kontrolle ist nachweisbar mit Bank- und Kreditkarten nicht im selben Maße gegeben.

Bewahrung von Kultur

Was wäre also, würden die Banken und die Regierung ihre – zugegeben – bisher noch vagen Pläne wahr machen und das Bargeld ganz abschaffen? Ein noch größerer Teil unserer Kultur würde hinter Nullen und Einsen im Computer verschwinden. Kalt und gefühllos, abstrakt und mathematisch.

Der Wert des Bargeldes geht über dessen Nominalwert hinaus. Es hat einen bewahrenswerten emotionalen und kulturellen Wert. Es ist Zeit und Arbeit zum Anfassen, eine manifestierte Beziehung und eine erfahrbare Relation. Bargeld prägt im wahrsten Sinn des Wortes unseren Alltag und unser Leben.

Wollen Sie das wirklich aufgeben?

2 Comments

  1. Olaf Liebl sagt:

    Wir stehen kurz davor mein Lieber. Nichts wird die aufhalten die uns „verwalten“, die an uns schmarotzen seit ewigen Zeiten. Aber: Immer locker bleiben bis wir selber Relikte sind
    Ich trage meine Kohle immer in der Hosentasche, das zweifelhafte Objekt der Begierde.
    Beste Grüße & Gesundheit
    Olaf Liebl, Berufsfatalist

    • Andreas Enrico Brell sagt:

      Lieber Olaf, danke für Deinen Kommentar, ich selbst bin entspannt, meine Beziehung zu Geld ist sehr gut und klar und mein Umgang mit Geld ebenso. Da draussen gibt es allerdings Millionen von Menschen, die schon heute nicht mit Geld zurecht kommen und ohne Bargeld den Bezug völlig zu verlieren drohen. Deshalb ist es so wichtig, das viele Menschen die Möglichkeit kennenlernen, wie sie mit einem wertvollen Konzept für Kopf und Konto ihre Beziehung zu Geld verändern können.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.